Jeden Sonntag - ein neues Gedicht





Zitat:


"Der Fromme spricht:
Gott liebt uns, weil er uns erschuf! "
"Der Mensch schuf Gott!"
- sagt ihr darauf, ihr Feinen.
Und soll nicht lieben, was er schuf?
Solls gar, weil er es schuf, verneinen?
Das hinkt, das trägt des Teufels Huf."

Reim 38 aus "Die fröhliche Wissenschaft"
von Friedrich Nietzsche.

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         Ist Gott tot?

 

         ‚Gott ist tot‘, so sprach der Meister,

der sich eig’nen Sinn erfand.

Wer nicht glaubt an höh’re Mächte,

nimmt das Leben in die Hand,

grübelt‘ er durch lange Nächte.

 

‚Doch zu welchem Zwecke?‘,

                            fragt er.

‚Ist, zu leben, schon der Sinn,

und die Freiheit, selbst zu sein?

Wo führt das Vergehen hin?

Ist, zu werden, bloßer Schein?‘

 

‚Was bist du mir, Mitmensch?‘,

                            fragt er.

Fühlend gleich, gleicher Natur

und im Triebe eng vereint

dem Gedächtnis auf der Spur,

das im Hirne sich vermeint.

 

‚Sind die Dinge wirklich?‘,

                            fragt er,

‚und die Wahrheit Glaube nur?

Sind die Sinne unsre Zeugen

wahrend unsre Hochkultur,

der sich selbst die Worte beugen?‘

 

‚Ist der Mensch das Maß der Dinge?‘

                            fragt er.

Eins ist sicher trotz der Fragen,

deren Antwort niemand weiß,

man muss stete Einsicht wagen,

dass ihr Sinn sich uns erweis‘.

 

‚Gott ist tot‘, so sprach der Meister,

‚so wie alle and’ren Geister.

Sie sind eine Kopfgeburt,

den Gedanken eine Furt

durch den Styx, den Todesfluss,

den ein jeder queren muss.‘

 

Wohlgesprochen, großer Meister!

Hast du Geist? Und was beweist er,

wovon speist er, worum kreist er?

Sag’ es mir, du großer Meister!

Wir das leere Nichts zum Gott,

gilt der Wahrheit nur noch Spott.

 

Hans Chisenus

 

2006 – erstveröffentlicht.

364. Wochenendgedicht, eingestellt am 20. Mai 2018

 




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