Jeden Sonntag - ein neues Gedicht





Zitat:


Müßige Gedanken

Muss ein Dichter denn gefallen,
muss er gar verstanden sein?
Muss im Wort der Geist sich ballen
oder tut's die Form allein?
Müssen die Vokale klingen,
muss der Rhythmus tauglich sein?
Muss Gefüphl vor allen Dingen
fließen in die Verse ein?

Soll am Ende ohne Frage,
jede/r seines/ihres Sinnes sein.
So verbringe ich die Tage
grübelnd unterm Lampenschein.

Hans Chisenus (2007)

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                Woraus besteht die Wirklichkeit?

 

         Die Dinge sind natürlich da,

sie tragen eigne Namen.

Was stofflich ist, dem Auge nah,

passt in den Bilderrahmen.

 

Wie schaut man den Zusammenhang,

geordnet durch Ideen,

wenn uns der innre Wissensdrang

veranlasst, zu verstehen.

 

Stellt sich der Mensch auch vor,

was seine Sinne nicht erfassen,

er bleibt beschränkt, ein schlichter Tor,

will er das All umfassen.

 

Hat der Gedanke Fleisch und Blut,

wie wird er aufgegriffen?

Wie fasst man der Gefühle Glut

in Worte – fein geschliffen?

 

Besteht der Geist, der‘s All durchschaut,

in Zeichen deutet Sein und Werden,

der in uns eine Ahnung staut

bar lieblicher Gebärden?

 

Hier Leib und hier Verstand:

sein Wesen ist zerrissen;

er macht sich selbst zum Gegenstand

und fühlt sich der Natur entrissen.

 

Was die Natur nicht offenbart,

lernt denkend er erfahren;

was nicht in seine Sinne fällt,

lässt das Gedächtnis ihn bewahren.

 

So vieles ist schon vorgedacht

in Wort und Bild gelungen

ins Menschenschicksal eingebracht;

wie seinem Schmerz entsprungen.

 

Trotz Zweifelns hofft man Zuversicht,

vernunftbegabt, dem Geiste nahe,

und sehnt sich in das ewge Licht,

dass man verwandelt sich erfahre.

 

Und doch ist jede Hoffnung schal,

wo sich die Menschen hassen,

wo sie vor Geiz und Gierde fahl

mit eitlen Possen prassen.

 

Hans Chisenus

 

2007 – erstveröffentlicht.

491. Wochenendgedicht, eingegeben am 24. Jänner 2021

 

 




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